Update: Salvini, Grandesso und NS-Opfer

CSU-Mitglied Maurizio Grandesso muss seinen Schreibtisch bei in-Arbeit räumen. Und wer wird die Dokumentation über die NS-Opfer erstellen – erfahrene Historiker oder politisch genehme Personen?

Update zum zweiten Teil des nachfolgenden Artikels: Agnes und Ulrich Krumwiede, Schwester und Vater von Dr. Franziska Steiner-Krumwiede erklären übereinstimmend, dass die nicht in Ingolstadt lebende Franziska Steiner-Krumwiede sich nicht  auf eine der auszuschreibenden Stellen für die erwähnte Dokumentation bewerben wird und schon gar kein Vertrag besteht. Ausgelöst hatte die Spekulationen ein Bericht im DK, in dem es heißt:

“… Stadträtin Agnes Krumwiede (Grüne), ihre Schwester, die Historikerin Franziska Krumwiede-Steiner, und der Ingolstädter Historiker Lutz Tietmann sind nun dabei, das zu ändern. Sie haben ein groß angelegtes Projekt zur Erforschung und Dokumentation der Schicksale von “Euthanasie”-Opfern aus Ingolstadt und der Region auf den Weg gebracht.”

Wir berichteten:

Maurizio Grandesso ist nicht irgendein CSU-Mitglied. Er ist Kreisgeschäftsführer der Partei und was vielleicht in diesem Zusammenhang noch wichtiger ist:  Er gilt als der absolute Vertraute von Ex-Bürgermeister Albert Wittmann (CSU). Wittmann soll Anfang letzten Jahres in zeitlicher Nähe zur Kommunalwahl, die zu seiner Entmachtung führte, auch dafür gesorgt haben (so die Gerüchtebörse), dass Grandessos Vertrag bei in-Arbeit nochmals verlängert wurde. Grandesso setzt mit absoluter Loyalität, die einem ehemaligen Berufsoffizier und Kameraden von Wittmann wahrscheinlich in Fleisch und Blut übergegangen ist, das um, was der ehemalige Bürgermeister denkt oder will. Er ist nicht nur dessen verlängerter Arm, sondern auch der Horchposten bei Feind und Freund. Was Grandesso weiß, weiß kurze Zeit später auch Albert Wittmann. Das machte ihn in der CSU nicht bei allen beliebt.

Unabhängig davon gilt Grandesso als fleißig, direkt und geschickter Organisator. Dass er als ehemaliger Berufssoldat offensichtlich Erinnerungsstücke aus seiner Militärzeit mit in sein Büro im Alten Rathaus nahm und dort sichtbar aufbewahrte, mag man noch als Geschmackssache betrachten. Ob er der richtige Mann am richtigen Platz war, wurde aber schon im Jahre 2019 bezweifelt, als er bei Facebook einen Artikel des als rechtspopulistisch eingestuften online-Magazins „TICHYSEINBLICK.de” postete. Abgebildet war der damalige rechtsnationale italienische Innenminister Salvini und zu lesen dessen gegen Mittelmeerflüchtlinge gerichtetes Zitat, der Schauspieler Richard Gere, der sich für die Asylsuchende einsetzte, solle Flüchtlinge im Privatjet nach Hollywood mitnehmen. Wenn ein Mitarbeiter, der für die Stadt im Rahmen der Flüchtlingsbetreuung bei in-Arbeit zuständig ist, derartige Parolen bei Facebook postet und offensichtlich für gut heißt, ist er für die Betreuung von Flüchtlingen mit seinen flüchtlingsfeindlichen Parolen fehl am Platz. Dies wurde damals auch öffentlich kommuniziert. Aber wer traute sich im Jahr 2019 schon etwas gegen einen Vertrauten von Albert Wittmann zu unternehmen. Wittmann und die damalige CSU hatten für solche Sensibilitäten auch nichts übrig.

Screenshot: hk

Die Beendigung der Beschäftigung von Maurizio Grandesso bei in-Arbeit ist also  eine durchaus sinnvolle Entscheidung. Mit einer guten Pension als ehemaliger Berufssoldat und weiteren Einkünften als Geschäftsführer des CSU-Kreisverbandes muss Grandesso auch nicht Hunger leiden. Zu klären wäre noch,  ob ihm überhaupt gekündigt wurde oder ob ein befristeter Vertrag nicht verlängert wurde.

Oberbürgermeister Christian Scharpf hat die Beendigung der Tätigkeit von Grandesso wirtschaftlich begründet. Vielleicht war dies der Grund, dass die CSU bei der Frage, ob die Dokumentation betreffend die Opfer des NS-Regimes in Ingolstadt von einzustellenden Mitarbeitern oder von vorhandenen Kräften der Verwaltung erstellt werden soll, auf die Personalkosten hinwies. Das würde das seltsame Verhalten der CSU im Personalausschuss erklären. Es machte nämlich einen eigenartigen Eindruck, dass die CSU einerseits beantragt hatte, eine Dokumentation über Opfer des NS-Regimes zu erstellen, andererseits aber nicht wollte, dass dafür neue Stellen geschaffen werden. Eigentlich hätten sich die Christlich-Sozialen bei OB Scharpf dafür bedanken müssen, dass dieser für ihren Antrag Mitarbeiter einstellen wollte. Es war doch ein Zeichen der Wertschätzung dieses Antrags. Als CSU gegen zusätzliche Mitarbeiter für den eigenen Antrag zu stimmen, macht eigentlich wenig Sinn.

Vielleicht schwante aber der CSU schon, wer die neuen Mitarbeiter sein könnten, die die Dokumentation erstellen sollen. Es wird kolportiert, dass es sich um einen Mann und eine Frau handelt, mit denen die CSU nicht glücklich wäre. Offenbar soll eine der Personen dem grünen Lager zuzurechnen sein und nicht in Ingolstadt leben, was bei der Durchforstung des Stadtarchivs hinderlich sein dürfte. Erstaunlich: Erfahrene Ingolstädter Historiker, die sich schon geraume Zeit mit der Geschichte Ingolstadts zu Zeiten des NS-Regimes beschäftigen, sollen gar nicht gefragt worden sein. Auch auf bereits vorliegende Ergebnisse betreffend Opfer des NS-Regimes soll anscheinend nicht zurückgegriffen werden. Nicht nur in der CSU kursiert daher das Gerücht, das hier politische und nicht sachlich begründete Personalentscheidungen getroffen wurden oder anstehen. Von Spezlwirtschaft wird geredet. In Kürze wird man mehr wissen.